Letzte Aktualisierung: 21.08.00 00:28
  Swen Kölbel  
  Dossier  
  Credo  
  Wort des Tages
  Puzzle des Lebens  
  Kontakt  

  geschäftliches  

Eine Tasse Kaffee.


Eine Tasse Kaffee war alles, was ich gebraucht habe um klar zu kommen mit mir und dem was man gemeinhin Umwelt nennt. Ich habe darüber nachgedacht, daß jedes Ding seinen Preis hat. Habe mir vor Augen geführt, daß Mandy und ich, wir uns nichts schulden und daß die Welt hier in Dresden und in New York die selbe ist, nur daß sie sich dort etwas schneller dreht.

Ich rührte in meiner Kaffeetasse und konnte spüren, wie sich der Löffel in den Zucker auf dem Boden der Tasse grub. Behutsam drehte ich ein paar erste kleine Kreise, ohne mit dem Löffel den Rand der Tasse zu berühren. Nur das leise Knirschen des Zuckers war zu hören und langsam stieg der Duft aus meiner Kaffeetasse empor, meine Nase zu erklimmen. Ich hielt die Tasse noch einen Augenblick und dann spürte ich auch die Wärme des Kaffees. Mit beiden Händen nahm ich die Tasse, hielt sie fest, doch sanft umschließend zugleich, hob sie etwas an und erwischte mich dabei, wie ich sie mit meinem Daumen leicht streichelte. Ich glitt mit ihm hin und her, immer über den oberen Rand der Tasse.

Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, obwohl mir eigentlich nicht danach zumute war. Ich fing mich wieder und fand mein Gesicht fast in der Tasse versunken. Obwohl der Kaffee schon einmal aufgewärmt war, empfand ich das Aroma als wunderbar. Es machte mir nichts aus, daß er schon eine Spur bitter war, vielmehr schien es mir wie ein Hauch Herzschmerz, der sich in die Tasse gemogelt hatte, das Repertoire an Eindrücken zu bereichern. Erneut mußte ich lächeln. Noch nie war es mir so aufgefallen, wie bei dieser Kaffeetasse. Ich fragte mich, ob ich es schon einmal so wahrgenommen hatte wie heute abend. Diese Einsamkeit, nein Ironie, nein dieser negative Beigeschmack, den so Vieles auch außerhalb meiner Kaffeetasse hat. Irgendwie hatte er sich hineingemogelt, doch machte es mir nichts aus. Die große rote Tasse Kaffee, die nur halb gefüllt, sollte dadurch nur besser in meiner Erinnerung bleiben. Ich hielt sie hoch, noch höher und hob sie dabei mit meinem linken Arm, auf das ich sie ansehen, zu ihr auf sehen konnte. Eine Tasse Kaffee, das war alles was ich brauchte, um mich wieder daran zu erinnern, wo ich schon überall saß und ähnlich in Gedanken verloren war. Beim Bund, auf dem Frankfurter Flughafen, in New York und die vielen Male zuhause fielen mir wieder ein und gingen mir durch den Kopf. Ich nahm einen Schluck aus der Tasse und dachte mir, daß es nicht immer im Leben einfach ist. Ich versuchte nach vorne zu schauen, zu überlegen was ich wollte und was mir wichtig war, als ich plötzlich meine Kaffeetasse sah und mir alles andere egal war. Ich schmunzelte unwillkürlich - eine kleine große Tasse Kaffee, mehr nicht. Ich nahm einen weiteren Schluck zu mir, spürte wieder den negativen Beigeschmack und fragte mich nach meinem eigenen Credo. Hamlet, dachte ich. Der Dialog mit Pollonius, indem er ihn auffordert die Leute, die Gäste, besser zu behandeln, als es ihnen zusteht. Er solle sie nach seiner eigenen Ehr und Würdigkeit behandeln.

Nicht recht ein Credo, war mir bewußt, doch besser als der Satz, den ich bisher für meine Webseite plante und wie die Vergangenheit gezeigt hatte immer wieder im Stande mich aufzurichten. Für einen kurzen Moment ließ ich ab von meiner Kaffeetasse, ich stellte sie zwischen meine Beine auf die Fensterbank und richtete meinen Blick auf die Straße, die Kreuzung und die Lichter der Stadt. Ein vertrauter Anblick, nicht weiter spannend, so daß ich meine Brille getrost weglegen konnte, da es nichts zu sehen gab. Seit vierundzwanzig Jahren das gleiche Spiel. Hier, in New York, allways busy, ich hab's selbst gesehen, habe noch viel mehr gesehen. Gemäß der 80:20 Regel dachte ich bei mir, lernt man in den ersten 20 Jahren 80% seines ganzen Wissens. Ich war stolz schon mehr als 80% zu wissen und freute mich gleichzeitig auf die verbleibenden 20%. Wenn ich meine Sinne nur wach halte, sollte es mir ein leichtes sein mir auch das andere anzueignen. Mehr Sensibilität, und es klappt...

...das Erste was klappte war, daß ich die Geräusche vom nahegelegenen Güterbahnhof hören konnte, als zweites roch ich meinen Kaffee. Unter so viel Sinnieren war ich erstaunt und erfreut, daß er nicht schon kalt war. Ich wendete mich wieder der Tasse zu und schloß sie diesmal ganz eng in meine Arme. So hielt ich sie an meinem Herzen und dachte mir wie einfach alles ist. Daß ich zuvor eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem "Häftling mit dem Schachbuch" aus Fischers Novelle und mir festgestellt hatte, war mir einerlei. Ich konnte den Häftling sogar verstehen, wie er sich gegen Ende der Gefangenschaft von den Wärtern und den Verhörenden gestört gefühlt hatte, in seinen eigenen Schachpartien. Sie vertrödelten seine Zeit und er war froh, wenn er wieder in seinem Zimmer war, wo er ungestört spielen konnte. Ich verstand ihn, erging es mir doch mit meiner Kaffeetasse und meinen Gedanken genauso. Ich sah nach einer Weile wieder auf die Tasse, war froh, entspannt und leicht beglückt - ich wußte wer ich war, und wußte, daß was auch immer in Zukunft geschehen würde, ich mir jederzeit wieder eine solche Tasse Kaffee machen könnte.

In meiner Tasse war noch eine kleine Pfütze. Ich liebte diese Tasse, wollte noch nicht Schluß machen, noch nicht, und halbierte mit meinem nächsten Zug den verbleibenden Kaffee. Ein Spiel, das ich hätte ewig fortsetzen können, doch da mir diese kleine Tasse so geholfen hatte, erwieß ich ihr ohne große Verzögerung die letzte Ehre.

So eine Tasse Kaffee!

Swen Kölbel 16.08.2000

 

© 2000 by koelbel24.de . designed by swen koelbel .

Startseite || Swen Kölbel || Tino Kölbel || Ute Kölbel || Joachim Kölbel || Neues || Suche