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Eine Tasse Kaffee war alles, was ich gebraucht habe um klar
zu kommen mit mir und dem was man gemeinhin Umwelt nennt. Ich
habe darüber nachgedacht, daß jedes Ding seinen Preis
hat. Habe mir vor Augen geführt, daß Mandy und ich,
wir uns nichts schulden und daß die Welt hier in Dresden
und in New York die selbe ist, nur daß sie sich dort etwas
schneller dreht.
Ich rührte in meiner Kaffeetasse und konnte spüren,
wie sich der Löffel in den Zucker auf dem Boden der Tasse
grub. Behutsam drehte ich ein paar erste kleine Kreise, ohne
mit dem Löffel den Rand der Tasse zu berühren. Nur
das leise Knirschen des Zuckers war zu hören und langsam
stieg der Duft aus meiner Kaffeetasse empor, meine Nase zu erklimmen.
Ich hielt die Tasse noch einen Augenblick und dann spürte
ich auch die Wärme des Kaffees. Mit beiden Händen
nahm ich die Tasse, hielt sie fest, doch sanft umschließend
zugleich, hob sie etwas an und erwischte mich dabei, wie ich
sie mit meinem Daumen leicht streichelte. Ich glitt mit ihm
hin und her, immer über den oberen Rand der Tasse.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, obwohl mir
eigentlich nicht danach zumute war. Ich fing mich wieder und
fand mein Gesicht fast in der Tasse versunken. Obwohl der Kaffee
schon einmal aufgewärmt war, empfand ich das Aroma als
wunderbar. Es machte mir nichts aus, daß er schon eine
Spur bitter war, vielmehr schien es mir wie ein Hauch Herzschmerz,
der sich in die Tasse gemogelt hatte, das Repertoire an Eindrücken
zu bereichern. Erneut mußte ich lächeln. Noch nie
war es mir so aufgefallen, wie bei dieser Kaffeetasse. Ich fragte
mich, ob ich es schon einmal so wahrgenommen hatte wie heute
abend. Diese Einsamkeit, nein Ironie, nein dieser negative Beigeschmack,
den so Vieles auch außerhalb meiner Kaffeetasse hat. Irgendwie
hatte er sich hineingemogelt, doch machte es mir nichts aus.
Die große rote Tasse Kaffee, die nur halb gefüllt,
sollte dadurch nur besser in meiner Erinnerung bleiben. Ich
hielt sie hoch, noch höher und hob sie dabei mit meinem
linken Arm, auf das ich sie ansehen, zu ihr auf sehen konnte.
Eine Tasse Kaffee, das war alles was ich brauchte, um mich wieder
daran zu erinnern, wo ich schon überall saß und ähnlich
in Gedanken verloren war. Beim Bund, auf dem Frankfurter Flughafen,
in New York und die vielen Male zuhause fielen mir wieder ein
und gingen mir durch den Kopf. Ich nahm einen Schluck aus der
Tasse und dachte mir, daß es nicht immer im Leben einfach
ist. Ich versuchte nach vorne zu schauen, zu überlegen
was ich wollte und was mir wichtig war, als ich plötzlich
meine Kaffeetasse sah und mir alles andere egal war. Ich schmunzelte
unwillkürlich - eine kleine große Tasse Kaffee, mehr
nicht. Ich nahm einen weiteren Schluck zu mir, spürte wieder
den negativen Beigeschmack und fragte mich nach meinem eigenen
Credo. Hamlet, dachte ich. Der Dialog mit Pollonius, indem er
ihn auffordert die Leute, die Gäste, besser zu behandeln,
als es ihnen zusteht. Er solle sie nach seiner eigenen Ehr und
Würdigkeit behandeln.
Nicht recht ein Credo, war mir bewußt, doch besser als
der Satz, den ich bisher für meine Webseite plante und
wie die Vergangenheit gezeigt hatte immer wieder im Stande mich
aufzurichten. Für einen kurzen Moment ließ ich ab
von meiner Kaffeetasse, ich stellte sie zwischen meine Beine
auf die Fensterbank und richtete meinen Blick auf die Straße,
die Kreuzung und die Lichter der Stadt. Ein vertrauter Anblick,
nicht weiter spannend, so daß ich meine Brille getrost
weglegen konnte, da es nichts zu sehen gab. Seit vierundzwanzig
Jahren das gleiche Spiel. Hier, in New York, allways busy, ich
hab's selbst gesehen, habe noch viel mehr gesehen. Gemäß
der 80:20 Regel dachte ich bei mir, lernt man in den ersten
20 Jahren 80% seines ganzen Wissens. Ich war stolz schon mehr
als 80% zu wissen und freute mich gleichzeitig auf die verbleibenden
20%. Wenn ich meine Sinne nur wach halte, sollte es mir ein
leichtes sein mir auch das andere anzueignen. Mehr Sensibilität,
und es klappt...
...das Erste was klappte war, daß ich die Geräusche
vom nahegelegenen Güterbahnhof hören konnte, als zweites
roch ich meinen Kaffee. Unter so viel Sinnieren war ich erstaunt
und erfreut, daß er nicht schon kalt war. Ich wendete
mich wieder der Tasse zu und schloß sie diesmal ganz eng
in meine Arme. So hielt ich sie an meinem Herzen und dachte
mir wie einfach alles ist. Daß ich zuvor eine gewisse
Ähnlichkeit zwischen dem "Häftling mit dem Schachbuch"
aus Fischers Novelle und mir festgestellt hatte, war mir einerlei.
Ich konnte den Häftling sogar verstehen, wie er sich gegen
Ende der Gefangenschaft von den Wärtern und den Verhörenden
gestört gefühlt hatte, in seinen eigenen Schachpartien.
Sie vertrödelten seine Zeit und er war froh, wenn er wieder
in seinem Zimmer war, wo er ungestört spielen konnte. Ich
verstand ihn, erging es mir doch mit meiner Kaffeetasse und
meinen Gedanken genauso. Ich sah nach einer Weile wieder auf
die Tasse, war froh, entspannt und leicht beglückt - ich
wußte wer ich war, und wußte, daß was auch
immer in Zukunft geschehen würde, ich mir jederzeit wieder
eine solche Tasse Kaffee machen könnte.
In meiner Tasse war noch eine kleine Pfütze. Ich liebte
diese Tasse, wollte noch nicht Schluß machen, noch nicht,
und halbierte mit meinem nächsten Zug den verbleibenden
Kaffee. Ein Spiel, das ich hätte ewig fortsetzen können,
doch da mir diese kleine Tasse so geholfen hatte, erwieß
ich ihr ohne große Verzögerung die letzte Ehre.
So eine Tasse Kaffee!
Swen Kölbel 16.08.2000
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